Viele Themen, offene Fragen
Am 27. August 2026 war der Landesvorstand Rheinland-Pfalz des Grundschulverbands zu einem ersten Kennenlerngespräch mit Bildungsministerin Dr. Ute Eiling-Hütig eingeladen. Aufgrund eines kurzfristigen SWR-Termins konnte die Ministerin selbst nicht teilnehmen. Vertreten wurde sie durch Staatssekretärin Jenny Groß; gemeinsam mit Christian Tuldi nahm sie sich 45 Minuten Zeit für den Austausch mit unserem Landesvorstand.
Für uns war dieses erste Gespräch vor allem eine Gelegenheit, deutlich zu machen, was der Grundschulverband in bildungspolitische Diskussionen einbringen kann – und einbringen möchte.
Unser Landesvorstand vereint ganz unterschiedliche Perspektiven auf Grundschule: Lehrkräfte und Schulleitung, Universität und Lehrkräfteausbildung ebenso wie Expertise aus dem Bereich der Förderschule. Diese unterschiedlichen Blickwinkel verstehen wir als besondere Stärke. Der Grundschulverband verbindet seit jeher Praxis, Wissenschaft und Bildungspolitik – mit einem gemeinsamen Ausgangspunkt: Wir verstehen uns als Stimme der Kinder und ihrer Grundschule.
Entsprechend haben wir dem Ministerium unsere fachliche Expertise ausdrücklich angeboten. Gleichzeitig haben wir deutlich gemacht, dass wir uns wünschen und auch erwarten, bei Entscheidungen, die Grundschule betreffen, frühzeitig einbezogen zu werden.
Dass der Verband hierfür auf eine breite fachliche Arbeit zurückgreifen kann, zeigen nicht zuletzt seine Zeitschriften, Publikationen und Themenbände. Als kleines Zeichen dafür hatten wir den aktuellen Band zur Demokratiebildung als Geschenk für Ministerin Eiling-Hütig dabei – ein Thema, dessen Bedeutung für Grundschule kaum aktueller sein könnte.
Die Kurzfassung

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Grundschule als Basis – und die Frage nach Englisch
Zu Beginn des fachlichen Austauschs betonte Staatssekretärin Jenny Groß selbst die besondere Bedeutung der Grundschule als absolute Basis des Bildungssystems. Sie verwies dabei ausdrücklich auf die enorme Heterogenität, mit der Grundschullehrkräfte und pädagogische Fachkräfte täglich umgehen.
Daran anschließend entwickelte sich das Gespräch über die Schnittstelle zu den weiterführenden Schulen und schließlich über die Frage, welche Rolle der Englischunterricht in der Grundschule künftig spielen sollte.
Frau Groß zeigte sich hier ausdrücklich an unserer Einschätzung interessiert. Dabei war uns wichtig zu verdeutlichen, dass wir an dieser Stelle keine abgestimmte Verbandsposition vertraten, sondern unsere persönlichen fachlichen Einschätzungen einbrachten. In einem Punkt waren wir uns allerdings sehr einig: Fremdsprachenlernen hat in der Grundschule eine hohe Berechtigung.
Kinder bringen häufig eine große Motivation und Neugier für die englische Sprache mit. Englisch begegnet ihnen längst in ihrem Alltag – in Musik, Spielen, Medien, Werbung und digitalen Anwendungen. Grundschulischer Englischunterricht kann diese Berührungspunkte aufnehmen und Lust auf Sprache wecken. Dabei geht es gerade nicht darum, Unterrichtsformen der weiterführenden Schule vorzuverlegen oder das Fach Englisch in die Leistungsbewertung durch Noten mit aufzunehmen, sondern um Kommunikation, Begegnung mit Sprache, spielerische und positive Lernerfahrungen.
Wie geht es mit „Schule der Zukunft“ weiter?
Ein zweiter großer Gesprächsblock begann mit unserer Frage nach der Zukunft der Initiative „Schule der Zukunft“. Wir haben dabei besonders hervorgehoben, wie gewinnbringend wir die bisherigen Angebote erlebt haben. Insbesondere die Vorträge, fachlichen Impulse und Werkstätten boten konkrete Anregungen, die unmittelbar in die tägliche schulische Arbeit hineinwirken konnten.
Staatssekretärin Groß unterstrich in diesem Zusammenhang vor allem die Bedeutung von Vernetzung und Austausch zwischen Schulen. Konkrete Aussagen dazu, ob und in welcher Form die Initiative „Schule der Zukunft“ fortgeführt wird, gab es allerdings nicht. Stattdessen verwies sie unter anderem auf andere bestehende Netzwerke, beispielsweise das der Hospitationsschulen.
Für uns bleibt die Frage nach der Fortführung damit offen.
„Leistung“, „positiver Wettbewerb“ – und welche Rolle spielen Prüfungen?
Von dort führte das Gespräch zu einem Begriff, der in den bildungspolitischen Äußerungen des Ministeriums derzeit eine auffällige Rolle spielt: Leistung – häufig verbunden mit dem Gedanken eines „positiven Wettbewerbs“.
Wir wollten deshalb genauer wissen, was damit für Schulen konkret verbunden sein soll.
Staatssekretärin Groß sprach von einem „Werkzeugkasten“ für Schulen und betonte dabei auch die Bedeutung von Prüfungen. Welche Instrumente dieser Werkzeugkasten konkret enthalten soll, blieb jedoch offen. Zu verschiedenen Fragen wurde auf laufende hausinterne Beratungen verwiesen.
Insbesondere konnten wir nicht klären, ob und in welcher Form neue oder veränderte Prüfungsformate auch die Grundschule betreffen sollen.
Gerade hier werden wir weiter aufmerksam nachfragen. Denn aus Sicht des Grundschulverbands kann die Diskussion über Leistung nicht losgelöst davon geführt werden, wie Kinder lernen, wie unterschiedlich ihre Voraussetzungen sind und welche Funktion Leistungsfeststellung in einer Schule für alle Kinder erfüllen soll.
KI beginnt nicht erst in der weiterführenden Schule
Ein kürzeres Thema des Gesprächs war Künstliche Intelligenz, die von Staatssekretärin Groß mehrfach angesprochen wurde. Johannes Wolz erläuterte daraufhin, warum KI längst auch ein Thema der Grundschule ist. Kinder begegnen KI-Systemen schon heute in ihrer Lebenswelt. Kinder benötigen altersgemäße Vorstellungen davon, was KI kann, wie sie funktioniert, wo ihre Grenzen liegen und warum Ergebnisse kritisch hinterfragt werden müssen. Konkrete Vorhaben des Ministeriums für die Grundschule wurden in diesem Zusammenhang nicht vorgestellt.
Teilrahmenpläne von 2006: dringend überarbeitungsbedürftig
Ein besonders wichtiges Anliegen war uns die Aktualisierung der rheinland-pfälzischen Teilrahmenpläne.
Der Teilrahmenplan Sachunterricht stammt aus dem Mai 2006, der Teilrahmenplan Deutsch aus dem Januar 2005. Damit sind zentrale curriculare Grundlagen der Grundschule inzwischen mehr als zwanzig Jahre alt.
Das ist nicht nur eine formale Frage. Unsere Welt hat sich seit 2006 grundlegend verändert. Digitalisierung, soziale Medien und Künstliche Intelligenz, aber auch die zunehmende Bedeutung von Demokratiebildung, gesellschaftlicher Vielfalt und der Schutz demokratischer Werte stellen Grundschule heute vor Aufgaben, die in dieser Form vor zwanzig Jahren kaum absehbar waren.
Umso überraschender war für uns, dass weder Staatssekretärin Groß noch Herr Tuldi im Gespräch nähere Angaben zu einer möglichen Überarbeitung machen konnten. Auch das tatsächliche Alter der Teilrahmenpläne war beiden zunächst nicht präsent.
Aus unserer Sicht besteht hier dringender Handlungsbedarf.
Viele Plattformen – wenig Vernetzung
Ähnlich offen blieb ein Problem, das insbesondere Schulleitungen täglich unmittelbar betrifft: die Vielzahl digitaler Plattformen und Verwaltungsanwendungen (u.a. GTS-Portal, PES-Portal, edoo.sys, Bildungscampus/SOFI, ADD3-Portal. digi-komp-Portal, EDISON, Schulbuchausleihe, 2P Primar…). Schulen arbeiten inzwischen mit zahlreichen Systemen, die weitgehend nebeneinander existieren, kaum miteinander vernetzt sind und teilweise jeweils eigene, unterschiedlich komplexe Authentifizierungsverfahren verlangen.
Das kostet Zeit – und zwar Zeit, die für pädagogische Führung, Unterrichtsentwicklung und die Arbeit mit Menschen fehlt.
Auch hier zeigte sich im Gespräch, dass die konkrete Situation der Schulen mit diesen unterschiedlichen Plattformen auf Seiten unserer Gesprächspartner nicht vollständig präsent war. Gerade im Zusammenhang mit angekündigter Entbürokratisierung wird deshalb entscheidend sein, ob Entlastung am Ende tatsächlich im Schulalltag ankommt.
Ganztag darf nicht bei Betreuung stehen bleiben
Zum Abschluss sprachen wir über eine der größten aktuellen Herausforderungen für die Grundschule: den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Für uns ist dabei entscheidend, dass sich die Diskussion nicht auf die Frage reduziert, wie genügend Plätze bereitgestellt werden können.
Ein funktionierender Ganztag braucht Qualität.
Er braucht ausreichend Personal, tragfähige multiprofessionelle Teams, Zeit für Kooperation, geeignete Räume und eine verlässliche finanzielle Ausstattung. Vor allem aber braucht er eine pädagogische Idee davon, wie der ganze Tag eines Kindes gestaltet werden soll.
Ganztag darf deshalb nicht lediglich verlängerte Betreuung sein. Ganztag muss Bildungszeit sein.
Wir möchten nicht erst gefragt werden,
wenn Entscheidungen gefallen sind
Nach 45 Minuten waren viele Themen angerissen – und viele Fragen weiterhin offen. Bei mehreren Punkten wurde auf hausinterne Beratungen verwiesen; zu anderen konnten unsere Gesprächspartner noch keine konkreten Aussagen machen.
Gerade deshalb war uns zum Abschluss noch einmal wichtig zu betonen:
Der Grundschulverband steht mit seiner Expertise zur Verfügung. Und er möchte gehört werden.
Wenn es um Grundschule geht, sollte die Perspektive von Menschen, die täglich mit Grundschulkindern arbeiten, Grundschule erforschen, Lehrkräfte ausbilden und Schulen entwickeln, nicht erst dann eingeholt werden, wenn wesentliche Entscheidungen bereits getroffen worden sind.
Wir danken Staatssekretärin Jenny Groß und Christian Tuldi für den offenen ersten Austausch und hoffen, das ursprünglich geplante Kennenlerngespräch mit Bildungsministerin Dr. Ute Eiling-Hütig zeitnah nachholen zu können.
Wir bleiben im Gespräch. Und wir bleiben dran.
